Leitlinien zum Umgang mit sexueller und sexualisierter Gewalt

Ergebnis eines langen Reflexionsprozesses

Zielsetzung

Wir leben in patriarchalen Verhältnissen, das heißt auch in linken Zusammenhängen sind patriarchale, sexistische und frauenfeindliche Muster und Verhaltensweisen präsent. Wir wollen diese Verhaltensweisen reflektieren und zurückdrängen. Sexualisierte/sexuelle Gewalt, Übergriffigkeiten und Grenzverletzungen wollen wir in unseren organisatorischen Zusammenhängen nicht tolerieren und nicht verharmlosen. Als Gruppe oder Umfeld müssen wir kollektiv Verantwortung übernehmen und verantwortungsvoll handeln, ohne uns der Illusion hinzugeben, dass wir eine sexismusfreie Umgebung schaffen können. Wir wollen gemeinsam daran arbeiten, die Gesellschaft zu verändern und die hegemoniale Männlichkeit, auch in uns, zu überwinden. Eine feministische Praxis zu entwickeln, heißt jede Form geschlechtsbezogener Ungleichheit, Dominanz, Unterwerfung und Ausbeutung zu bekämpfen. Diese Leitlinien sind Ergebnis eines umfassenden Reflexionsprozesses. Wir halten es für wesentlich, dass Gruppen proaktiv Positionen zum Umgang mit sexueller Gewalt entwickeln und diese transparent kommunizieren.

Für unsere Gruppenarbeit bedeutet das, dass wir unsere Strukturen immer wieder auf Rollenverteilungen hinterfragen wollen. In Feedbackrunden – auch bei Online-Treffen – sollen Geschlechterverhältnisse selbstverständlich thematisiert und problematisiert werden können. Leitfragen hierzu wären beispielsweise:

  • Welches Dominanzverhalten wird bemerkt?
  • Wie fühlt es sich an in der Gruppe zu sein?
  • Wie ist Carearbeit in der Gruppe verteilt?
  • Welche Geschlechterthemen gehen gerade wie durch die Medien?

Themen für weitergehende Diskussionen sind zB.: Welche Probleme lösen Strategien wie „Ja heißt ja“, welche nicht? Wie lernen wir unsere persönlichen Grenzen zu schützen, wenn wir gelernt haben, Dinge aushalten zu müssen, die über unsere Grenzen gehen?

Wir setzen bei allen, die bei LEA dabei sind, die Bereitschaft voraus, das eigene Verhalten zu reflektieren, fordern Sensibilität und Verantwortungsübernahme ein. Wir wollen voneinander lernen und mit einer bewussten Fehlerkultur in einer feministischen Praxis weiterkommen. Bei allen unseren Veranstaltungen ist es selbstverständlich, dass wir keinen Platz für antifeministische Positionen bieten, auch nicht für sexistische Sprüche, Kommentare, Adressierungen.

Umgang mit übergriffigem Verhalten und sexueller/sexualisierter Gewalt

Wenn ein Person sagt, mir ist etwas passiert, gehen wir davon aus: Ihr ist etwas passiert. Wir wollen Bedingungen schaffen, in denen möglichst nichts passiert, aber genauso wichtig ist es, dass wir unsere Strukturen so einrichten, dass von sexistischem Verhalten, von Stalking oder von sexueller Gewalt betroffene Personen sich trauen, dies zu thematisieren. Wir wissen, Abwehr und Abwiegeln, Anzweiflungen, Infragestellung und Schuldumkehr sind, wenn es um Sexismus und sexuelle Gewalt geht, die Regel und nicht die Ausnahme. Die Mitteilung einer erlebten Grenzverletzung muss gehört und angenommen werden, Verletzte brauchen Sicherheit.

Egal, ob es weitere Anwesende bzw. Beteiligte gab, oder es um einen Übergriff geht, der sich nur zwischen Täter und Betroffener ereignete, von der ersten Reaktion an und durch den gesamten Prozess der Begleitung und Klärung der Situation hindurch, nehmen wir die Wahrnehmung der Betroffenen ernst. Oftmals wird sich nicht aufklären lassen, was genau passiert ist. Es ist aber auch gar nicht unsere Aufgabe, eine objektive Wahrheit festzustellen, und genau so wenig brauchen wir Betroffenen ein Definitionsrecht zuzusprechen, um an ihrer Seite zu handeln: Dazu braucht es nicht mehr, als die eigenen Abwehrreflexe zurückzuhalten und stattdessen die Erfahrung und die Wahrnehmung der Betroffenen ernst zu nehmen. Und daran zu denken, dass wer was wie erlebt, mit der Geschichte einer/eines jeden zu tun hat. Letzteres gilt für Betroffene und Täter, mit dem gewaltigen Unterschied, dass sich Täter im Schutz einer frauenfeindlichen Kultur bewegen, während Opfer dieser Kultur ausgeliefert sind. Opfer-Solidarität muss vorbereitet sein und mit Widerständen rechnen. Darum geht es bei den folgenden Verfahrensüberlegungen für unsere Gruppe. Entschieden nicht agieren wollen wir als eine alternative Gerichtsbarkeit, die Urteile fällt und straft.

Um handlungsfähig zu sein, wenn etwas passiert, nehmen wir uns vor:

  1. Wir schaffen ein Gremium von möglichst zwei Personen, die im Konsens gewählt werden. Sie stehen als Ansprechpartner*innen zur Verfügung, an die eine*r sich vertraulich wenden kann, die als Begleitung zur Verfügung stehen und alle weiteren Schritte mit Betroffenen abstimmen. Die betroffene*n Person*en soll*en emphatisch angehört werden und es soll herausgefunden werden, was für konkrete Bedürfnisse, gegebenenfalls nach professioneller Unterstützung es gibt, und welche Optionen, mit der Situation innerhalb der Gruppe umzugehen.
  2. Mit der beschuldigten Person wird entsprechend den Bedürfnissen der Betroffenen kommuniziert, mit dem Ziel, es der Betroffenen zu ermöglichen, in der Gruppe zu bleiben, und im besten Fall eine Entschuldigung und Wiedergutmachung der Situation zu ermöglichen.
  3. Eine Person, gegen die ein direkter Vorwurf erhoben wird, kann je nach Situation – gegebenenfalls auch unter Ausschluss der Gruppenöffentlichkeit – aufgefordert werden, sich temporär aus der Gruppe zurückzuziehen. Wenn die Person sich weigert, wird sie temporär ausgeschlossen. Nach Möglichkeit wird aus der Gruppe heraus das Gespräch mit der beschuldigten Person gesucht, auch um ihre Perspektive zu hören. Insofern es keine Einigkeit über das, was passiert ist, gibt, wird für die weitere Zusammenarbeit entscheidend sein, ob die Person dennoch bereit ist, an einer Klärung der Situation mitzuarbeiten in dem Bewusstsein, dass wir uns immer innerhalb der misogynen und männerdominierten gesellschaftlichen Verhältnisse bewegen. Das kann im Ausnahmefall sogar bedeuten, dass man es auf sich nimmt, sich aus einer Gruppe zurückzuziehen, obwohl der Vorwurf nicht nachvollziehbar ist, weil das der einzige Weg ist, um die Situation zu entspannen und Raum für eine zukünftige Klärung zu schaffen. Täter, die sich mit dem, was sie getan haben, auseinandersetzen und ihr Verhalten ändern, unterstützen wir. Therapeutische Täterarbeit können wir natürlich nicht leisten.
  4. Unser sanktionierender Umgang beschränkt sich auf unseren organisatorischen Zusammenhang, d.h. auf Ausschluss bzw. Verweigerung der Teilnahme an Veranstaltungen und Aktionen. Entscheidungen oder Forderungen, die die direkte Privatsphäre oder soziale Kontakte einzelner Gruppenmitglieder betreffen, können und wollen wir nicht erheben. Bei all unseren Anstrengungen muss uns klar sein, dass wir kein Ersatz für die Institutionen des bürgerlichen Staates oder für soziale und psychologische Hilfsangebote sind. Outcallen, das heißt namentliche Öffentlichmachung, ist für uns keine Option, begründete Warnungen im Umfeld weiterzugeben schon.
  5. Es gibt hartnäckige Fälle dominanten, kontrollierenden und besitzergreifenden Verhaltens von Männern in Gruppen, das sich resistent gegen Kritik zeigt und von anderen geduldet wird, weil sie in Strukturen für unersetzbar gehalten werden. Auch hier muss die Solidarität die Seite wechseln und es braucht ebenso hartnäckige, nervige Arbeit des immer wieder Thematisierens, damit das nicht normal bleibt.

Verhalten bei externen Vorwürfen

Es kommt immer wieder vor, dass gegen Personen Vorwürfe erhoben werden, die nicht Teil unserer Gruppe oder unseres direkten Umfelds sind, aber mit denen wir zusammenarbeiten/ wollen.

Unser Umgang

  1. Wir versuchen Informationen einzuholen, die über den reinen Vorwurf hinausgehen, wobei wir nicht davon ausgehen können, dass wir die ganze Geschichte erfahren werden.
  2. Wir fragen bei der Person nach, gegen die der Vorwurf erhoben wird, wie sie sich zu den Vorwürfen inhaltlich und zur sexistischen Normalität verhält. Gibt es einen reflektierten Umgang – damals – heute? Auf dieser Basis entscheiden wir, ob wir zusammen arbeiten können und treffen eine Entscheidung, die wir dann auch nach außen gegen eventuelle Kritik verteidigen werden.